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FMP FREE MUSIC PRODUCTION als Zentrum der zeitgenössischen Jazzentwicklung
Patrick Landolt
Heute werden Musiker
aus dem Umfeld der Berliner FREE MUSIC PRODUCTION (FMP) - der Bassist
Peter Kowald, der Saxofonist Peter Brötzmann, der Pianist Alexander von
Schlippenbach, der Gitarrist Hans Reichel, um nur ein paar Namen zu nennen
- zu den wichtigen Erneuerern des Jazz gezählt. Bis in die frühen 60er
Jahre waren es ausschließlich die Namen amerikanischer Musiker, die für
die Musik stehen, die Jazz genannt wird: Duke Ellington, Thelonious Monk,
Charlie Parker, Ella Fitzgerald, Billie Holiday, John Coltrane, Miles
Davis, Albert Ayler, Ornette Coleman... Die Entwicklung des Jazz wurde
von den Musikchronisten in zeitlich begrenzte Jazzstile gefasst und in
den kulturellen Zusammenhang der USA gestellt.
Ende der 60er Jahre, Anfang der 70er Jahre begann eine neue Entwicklung,
welche der Schriftsteller und Musikproduzent Wilhelm E. Liefland schon
damals als einen ´radikalen Bruch in der Jazzmusik´ deutete. Die mit den
Avantgardebewegungen einsetzende Verfügung über künstlerische Verfahrens-weisen
verschiedener Kulturen, Genres und Epochen leitete eine Öffentlichkeit
ein, die den Jazz veränderte. Statt einer linearen Fortentwicklung gibt
es heute im Jazz ein nebeneinander verschiedenster Stile und Innovationsrichtungen.
Was zum Beispiel die Pioniere aus dem Umfeld der FMP Ende der 60er Jahre
einleiteten, hat sich bis heute zu einer vielfältigen, weit ausdifferenzierten
Musik entwickelt: Eine erste Bestandsaufnahme von EUROPAS JAZZ 1960 bis
1980 (Fischer Verlag), die der Musikwissenschaftler und Saxofonist Ekkehard
Jost schrieb, stellt mehr als fünfzig international anerkannte Musiker
und Musikerinnen vor. "Jazz, seiner Herkunft nach ein afroamerikanisches
Idiom, hat sich zu einer musikalischen Weltsprache entwickelt", fasst
der Musikpublizist Bert Noglik in seinem Buch KLANGSPUREN. WEGE IMPROVISIERTER
MUSIK (Fischer Verlag) den Prozess der letzten 20 Jahre zusammen.
Das Berlin der FMP ist eines der bedeutendsten Zentren, welches diesen
Prozess ermöglicht hat und darin dem ´Big Apple´ New York den Rang abzulaufen
droht. Die FMP ist wesentlich an der Entwicklung dieser Musik beteiligt.
Mit ihren zwei Standbeinen Konzerte/Festivals und Platten-/CD-Produktion
(und zusätzlich seit 1.1.2000 einer eigenständigen Firma für Vertrieb
& Marketing, FMP FREE MUSIC PRODUCTION Distribution & Communication, geführt
von Helma Schleif, A.d.R.) hat sie die Entfaltung der zeitgenössischen
Jazzmusik in Europa deutlich mitgeprägt. Die Ausstrahlung ist groß. Es
sind zahlreiche Gründe zu nennen, welche als Ganzes die Bedeutung der
FREE MUSIC PRODUCTION ausmachen:
Produktion und
Dokumentation von aktueller Musikgeschichte
Die FMP ist, was kaum einem anderen Veranstalter oder Produzenten
in Europa gelungen ist, eine Institution, die zeitgenössische Jazzmusik
live präsentiert und gleichzeitig dokumentiert. Die Liste der Namen der
Künstler, die FMP in Berlin live präsentierte und auf Tonträger publizierte,
ist lang und spricht eine deutliche Sprache. Der Katalog von FMP ist wohl
einer der künstlerisch wertvollsten Kataloge aktueller Jazzmusik überhaupt.
Auch das Foto- und Tonarchiv von FMP ist von großer künstlerischer Bedeutung
(Fotos: Dagmar Gebers).
Kontinuität und Erfahrung
Durch die inzwischen über 30jährige Tradition verfügt FMP heute über
ein Höchstmaß an Erfahrung und Kompetenz. Die Festivals sind sorgfältig,
ereignisreich und qualitativ hochstehend konzipiert, und die Platten/CDs
sind hochprofessionell produziert. Die Platten und CDs von FMP verfügen
über ein eigenes ästhetisches ´Design´ sowohl in klanglicher wie in visueller
Hinsicht.
Berlin als Zentrum
FMP ist in den Jahren ihres Bestehens ein Zentrum für die europäische
Jazzmusik geworden. Musiker und Musikerinnen aus Deutschland, England,
Frankreich, Holland und der Schweiz sowie den USA spielen regelmäßig in
Berlin. Der kontinuierliche musikalische Austausch ist Voraussetzung für
ästhetische Entwicklung zu einer eigenständigen Musik. Gleichzeitig kommt
das Berliner Publikum in den Genuss, bei den regelmäßig stattfindenden
Konzerten die Entwicklung dieser Musik stetig mitverfolgen zu können.
Weltweiter kultureller Austausch
FMP hat über die Jahre den Austausch des westeuropäischen Jazz mit
dem osteuropäischen und amerikanischen Jazz gepflegt. Höhepunkte in dieser
Hinsicht waren in den 70er Jahren die Konzerte und Plattenproduktionen
mit Musikern aus der DDR und zu Beginn der 90er Jahre die großangelegte
Präsentation und CD-Produktion von Cecil Taylor, dem wohl bedeutendsten
Jazzpianisten des neuen Jazz in den USA.
Eigeninitiative und Sachkenntnis
Hinter FMP steht, wie hinter jeder künstlerisch erfolgreichen Institution,
ein initiativer Kopf: Der Produzent Jost Gebers führt seit Jahren mit
künstlerischer Sachkenntnis, großer Eigeninitiative und bewundernswerten
Durchhaltewillen die Geschicke des künstlerischen Unternehmens. Ohne Zweifel
darf heute mit Recht gesagt werden, dass FMP für die Entwicklung der heutigen
Jazzmusik einen äußerst wichtigen Beitrag erbringt. Es ist nicht zuletzt
auch die Leistung von FMP, dass Namen von Musikern wie Peter Brötzmann,
Peter Kowald, Hans Reichel, Alexander von Schlippenbach, Rüdiger Carl,
Albert Mangelsdorff, Paul Lovens etc. heute in der internationalen Musikwelt
einen Begriff darstellen und zu den Großen des heutigen Jazz gezählt werden.
Gleichzeitig ist es FMP zu verdanken, dass in der Musikwelt von Zürich
über London, Prag über Moskau, New York bis Tokio die Stadt Berlin als
ein Zentrum der Offenheit, des internationalen Austausches und der künstlerischen
Innovation bekannt ist.
Patrick Landolt ist Kulturredakteur der ´WochenZeitung´
in Zürich. Zürcher Journalistenpreis 1992. Er veröffentlichte u.a.: DIE
LACHENDEN AUSSENSEITER. MUSIKERINNEN UND MUSIKER ZWISCHEN JAZZ, ROCK UND
NEUER MUSIK. DIE 80ER UND 90ER JAHRE (Rotpunkt Verlag, Zürich).
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