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TMM compact 2000 Kommentare
Martin Reh (95326 Kulmbach)
Mondrian Graf von Lüttichau
(Leipzig)
 
TOTAL MUSIC MEETING COMPACT 2000
von Martin Reh (95326 Kulmbach)

Mit großem Interesse, aber auch mit großer Enttäuschung habe ich die Informationen zum diesjährigen Total Music Meeting gelesen.
 
Es ist eigentlich in jedem Jahr die gleiche Befürchtung - die Fördermittel für das TMM und damit für ein wesentliches Standbein der meiner Meinung nach kulturell höchst bedeutenden Arbeit der FMP werden gestrichen. In diesem Jahr ist es nun also passiert.
 
Zwar hatte ich bisher nur einmal (1997) Gelegenheit, ein TMM als Publikumsgast mitzuerleben, aber als Intensivkäufer von CDs (und früher LPs) weiß ich, was für ein enormes musikalisch-kreatives Potenzial in diesem Festival steckt. Viele hervorragende Aufnahmen sind auf den TMM's entstanden (und vermutlich schlummern noch viele weitere aufgrund begrenzter Finanzmittel in den Archiven). Es ist eine ganz eigene Welt, die sich mir mit diesen Aufnahmen eröffnet hat, und ich habe Hochachtung vor Jost Gebers, Dieter Hahne, all den Musikern und sonstigen Beteiligten, die seit mehr als 30 Jahren gegen den Strom schwimmen und diese Musik am Leben erhalten.
 
Außer Interesse und Enttäuschung kam beim Lesen auch noch Wut dazu. Es erscheint mir, als verschlössen die Kulturpolitiker nicht nur ihre Ohren und ihre Kassen, sondern als schalteten sie auch ihre Gehirne ab. Wer die langfristige Bedeutung der FMP für kreative Musik ignoriert (und durch die gewaltsame finanzielle Trockenlegung des TMM tut man das), kann meines Erachtens nicht als "kultiviert" bezeichnet werden. Wofür stehen die Gelder, die dem TMM entzogen wurden, nun bereit? Wo ein Verlierer ist, sind sicher auch Gewinner - ob diese nun dem "Kulturbetrieb" angehören oder nicht. Aber vielleicht besser, ich weiß das gar nicht so genau...
 
Als kleinen Beitrag zur Finanzierung des TMM Compact habe ich unter dem Verwendungszweck "Total Music Meeting" heute DM 200,-- überwiesen. Nicht viel mehr als ein symbolischer Solidaritätsbeitrag, aber aufgrund etwas beengter Finanzen geht derzeit leider nicht mehr. Es ist beschämend für die Kulturpolitik einer Stadt, wenn Musiker und Publikum eine Veranstaltung finanzieren müssen, die das Publikum doch an die absolut förderungswürdigen künstlerischen Beiträge dieser Musiker heranführen soll!
 
Vielleicht können meine Zeilen ja an die verantwortlichen Stellen weitergeleitet werden. Ich weiß, dass ich nicht für die "breite Masse" der Musikhörer spreche, aber ich - und Sie! - wissen auch, dass es durchaus genügend kritische Hörer gibt, für die es sich lohnt, der frei improvisierten Musik auch in Zukunft Überlebensmöglichkeiten zu bieten.
 
Mit freundlichen Grüßen und mit den besten Wünschen für das TMM Compact
Martin Reh (95326 Kulmbach)
 
 
Zur Funktion des TOTAL MUSIC MEETING,
wie ich sie sehe

von Mondrian Graf von Lüttichau
 
Für jemanden wie mich, der seit der Jugendzeit, also rund 20 Jahre lang, mit der abendländischen Kunstmusik von der Renaissance über Barock und Klassik bis zu Romantik und Expressionismus gelebt hat (wenn auch nur zuhörend), ist es schon etwas Umwälzendes, mit bald 50 den Jazz zu entdecken; aber genau so kam es. Ich habe, seit ein paar Jahren, im Jazz eine musikalische Tradition gefunden, die aus ihrem Entstehungsprinzip heraus immer wieder sich erneuert und damit zum kreativen und ganzheitlichen Ausdruck der sozialen Gegenwart werden kann: Musik auf der Höhe ihrer Zeit! Die Musik und die MusikerInnen, für die das TOTAL MUSIC MEETING und das FMP-Label von Jost Gebers eine wesentliche Plattform bedeutet, verwirklichen in hohem Maße eine musikalische Reinheit, wie ich sie früher meist nur bei Monteverdi, Purcell, J.S. Bach, Amadé Mozart, Beethoven, Schubert, Mahler, Debussy, Berg und ein paar anderen gefunden hatte. Es schien unvermeidlich, dass Musik, die in der heutigen Zeit solche unkorrumpierte Wahrhaftigkeit entfaltet, ohne intellektuelle Vorarbeit weder entstehen noch nachvollzogen werden kann. Wie sinnlich-körperliche Spontaneität in Musik nur noch gesellschaftliche Entfremdung reproduziert, banal wird, zu Kitsch oder Kulturindustrie erstarrt, empfand auch ich oft - mit Bedauern.
 
Ich war dann durch ein paar Zufälle auf die Musik von Peter Kowald, Cecil Taylor, Marilyn Crispell und auf das FMP-Label gestoßen; seither habe ich den Jazz in zunehmender Begeisterung für mich erobert; von den Anfängen und zugleich vom Free Jazz her. Fast jede Einspielung der FMP lockt jetzt ein neues Moment grundlegender Offenheit in mir hervor, - durch das Medium der geformten Klänge, aber es ist eine Offenheit fürs Leben, nicht beschränkt auf Musik. Solche Kraft hat ja Musik, solche Tiefe hat sie oder kann sie haben - wo aber finden wir die heutzutage noch?
Eine Bekannte erzählte mir vor einigen Monaten von einem Cecil Taylor-Konzert, in das sie 1988 eher zufällig reingelaufen war - erzählte davon, als sei´s unlängst gewesen und bezeichnete es als eines der bedeutsamsten, aufwühlendsten Erlebnisse ihres Lebens. Solche Sachen... Jede CD, jedes Konzert zwingt mich zu der einen Entscheidung: entweder mich zu verschließen, mich zurückzuziehen in die Selbstverständlichkeit der mir vertrauten Klänge/Rhythmen/Harmonien, - oder aber vorbehaltlos mich zu öffnen, mich einfach hinzugeben dem, was da geschieht - ohne es einordnen/verstehen/bewerten zu wollen. In mir drin geschieht dann etwas... - aber es ist schon nachvollziehbar, dass so was manchem nicht geheuer ist. Das kenne ich von mir selbst, ist noch nicht so lange her.
 
Darum geht es meines Erachtens beim TOTAL MUSIC MEETING und der FREE MUSIC PRODUCTION. Nicht nur um eine der kulturellen Facetten Berlins, sondern um etwas weitaus grundsätzlicheres. Das Programm der FMP ist ein kaum ersetzbares Stück Zivilisationsgeschichte des 20. Jahrhunderts! In mancher Hinsicht ist es eine ´Flaschenpost´ in die Zukunft hinein. Ein Wunder, dass sich dieses kompromisslose Projekt so viele Jahre halten konnte angesichts der akustischen Überschwemmung mit Musik, die im wesentlichen vertraute musikalische Elemente neu kombiniert, interpretiert oder aufbereitet. - Der Verlust dieser zivilisatorischen ´Flaschenpost´ TOTAL MUSIC MEETING wäre keine Privatsache; aber vielleicht wird das erkannt erst, wenn es sie nicht mehr gibt.
Mondrian Graf von Lüttichau (Leipzig)
 
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